Warum funktionelle Atemstörungen bei Frauen häufiger auftreten und was dahinter steckt
Atmen passiert automatisch. Deshalb denken die meisten Menschen kaum darüber nach. Erst wenn Symptome auftreten wie Kurzatmigkeit, innere Unruhe, häufiges Seufzen oder das Gefühl, nie richtig tief durchatmen zu können, beginnt man sich damit zu beschäftigen.
Was viele nicht wissen: Auch unser Atem kann aus dem Gleichgewicht geraten.
In der Fachliteratur spricht man dann von funktionellen Atemstörungen oder dysfunctional breathing. Dabei liegt keine Erkrankung der Lunge vor. Stattdessen hat sich ein Atemmuster entwickelt, das den Körper dauerhaft unter Stress setzt.
Spannend ist dabei eine Beobachtung aus verschiedenen Studien: Funktionelle Atemstörungen werden deutlich häufiger bei Frauen diagnostiziert als bei Männern.
Warum das so ist, hat mehrere Gründe und sie liegen nicht nur im Körper, sondern auch im Nervensystem und in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Was sind funktionelle Atemstörungen?
Unter funktionellen Atemstörungen versteht man Atemmuster, die nicht optimal an die Bedürfnisse des Körpers angepasst sind.
Typische Beispiele sind:
chronische Hyperventilation
sehr flache Brustatmung
dauerhaft erhöhte Atemfrequenz
unregelmäßige Atemrhythmen
Dabei ist die Lunge meist völlig gesund. Das Problem liegt vielmehr in der Regulation der Atmung durch das Nervensystem.
Der Atem reagiert extrem sensibel auf Stress, Emotionen und innere Anspannung. Wenn sich über längere Zeit ein dysfunktionales Muster etabliert, kann das verschiedene Beschwerden verursachen, zum Beispiel:
innere Unruhe
Schwindel oder Benommenheit
Herzklopfen
Konzentrationsprobleme
schnelle Erschöpfung
ein Gefühl von „nicht richtig Luft bekommen“
Viele Menschen verbinden diese Symptome zunächst nicht mit ihrer Atmung.
Studien zeigen: Frauen sind häufiger betroffen
Mehrere Untersuchungen zeigen, dass funktionelle Atemstörungen bei Frauen häufiger diagnostiziert werden als bei Männern. In manchen Studien sind etwa 60 bis 75 Prozent der Betroffenen weiblich.
Das bedeutet nicht, dass Frauen „schlechter atmen“. Vielmehr wirken bei ihnen mehrere Faktoren zusammen, die die Atemregulation beeinflussen können.
Dazu gehören hormonelle Einflüsse, Unterschiede im Nervensystem sowie psychosoziale Belastungen.
Der Einfluss von Hormonen auf die Atmung
Ein wichtiger Faktor sind hormonelle Veränderungen.
Hormone wie Östrogen und Progesteron beeinflussen direkt das Atemzentrum im Gehirn und verändern die Sensitivität für Kohlendioxid (CO₂) im Blut.
Das führt dazu, dass sich die Atmung im Laufe des Zyklus tatsächlich verändert.
Viele Frauen erleben zum Beispiel:
eine schnellere Atmung in der zweiten Zyklushälfte
stärkere Atemsensibilität
eine erhöhte Stressanfälligkeit kurz vor der Periode
Auch während der Schwangerschaft oder in hormonellen Umstellungsphasen kann sich die Atemregulation deutlich verändern.
Diese physiologischen Veränderungen sind grundsätzlich normal. Wenn gleichzeitig viel Stress vorhanden ist, kann sich jedoch leichter ein dysfunktionales Atemmuster entwickeln.
Der Zusammenhang zwischen Nervensystem und Atmung
Ein weiterer zentraler Faktor ist das autonome Nervensystem.
Unsere Atmung steht in enger Verbindung mit den beiden Hauptzuständen des Nervensystems:
Aktivierung (Stress, Leistung, Alarm)
Regulation (Ruhe, Sicherheit, Regeneration)
Wenn der Körper dauerhaft unter Stress steht, verändert sich automatisch auch die Atmung. Sie wird schneller, flacher und oft unregelmäßiger.
Viele Menschen verbringen heute einen großen Teil ihres Alltags in einem Zustand erhöhter Aktivierung: Zeitdruck, mentale Belastung, Verantwortung, permanente Reizüberflutung.
Der Atem passt sich diesen Zuständen an – oft unbewusst.
Mit der Zeit kann sich daraus ein Atemmuster entwickeln, das den Körper selbst dann im Stressmodus hält, wenn eigentlich keine akute Gefahr besteht.
Psychologische und soziale Faktoren
Neben biologischen Einflüssen spielen auch psychologische und soziale Faktoren eine Rolle.
Frauen tragen statistisch häufiger mehrere Rollen gleichzeitig: berufliche Verantwortung, Care-Arbeit, emotionale Unterstützung im sozialen Umfeld.
Viele haben zudem früh gelernt,
sich anzupassen
Konflikte zu vermeiden
Emotionen zurückzuhalten
„stark“ zu sein und weiter zu funktionieren.
Diese Muster spiegeln sich oft auch im Körper wider.
Ein dauerhaft angespanntes Nervensystem zeigt sich nicht selten in einem Atemmuster, das wenig Raum lässt: flach, schnell und eher im oberen Brustbereich. Der Körper hält Spannung – auch im Atem.
Warum viele Atemstörungen lange unentdeckt bleiben
Ein weiterer Grund, warum funktionelle Atemstörungen so verbreitet sind: Sie werden häufig nicht erkannt.
Viele Betroffene erleben zwar Symptome, bringen diese aber mit anderen Ursachen in Verbindung. Zum Beispiel mit Stress, Kreislaufproblemen oder hormonellen Schwankungen.
Auch medizinisch werden funktionelle Atemmuster oft erst erkannt, wenn andere Ursachen ausgeschlossen wurden.
Dabei ist der Atem eines der zentralsten Regulationssysteme des Körpers.
Er verbindet:
Nervensystem
Emotionen
Stoffwechsel
Herz-Kreislauf-System.
Die gute Nachricht: Atmung ist trainierbar
Der Atem hat eine besondere Eigenschaft: Er funktioniert automatisch und gleichzeitig können wir ihn bewusst beeinflussen.
Das macht ihn zu einem der wirkungsvollsten Zugänge, um das Nervensystem zu regulieren.
Gezieltes Atemtraining kann helfen,
Atemmuster zu normalisieren
die CO₂-Toleranz zu verbessern
Stressreaktionen zu reduzieren
das Nervensystem zu stabilisieren
ein besseres Körpergefühl zu entwickeln.
Viele Menschen merken erst durch Atemtraining, wie viel Spannung sie unbewusst im Körper getragen haben.
Atmung als Teil einer ganzheitlichen Regulation
Natürlich ist Atmung nicht die einzige Ebene, auf der Veränderung stattfinden kann.
Eine nachhaltige Regulation entsteht meist durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
Körperarbeit und Atemtraining
psychologische Reflexion
emotionale Verarbeitung
soziale Unterstützung und Co-Regulation.
Gerade deshalb ist es hilfreich, den Atem nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines größeren Systems.
Fazit
Dass funktionelle Atemstörungen bei Frauen häufiger auftreten, ist kein Zufall. Hormone, Nervensystem und psychosoziale Belastungen greifen hier ineinander.
Gleichzeitig zeigt dieses Thema auch etwas Hoffnungsvolles: Der Atem ist ein Zugang zum Körper, der immer verfügbar ist.
Wenn wir lernen, ihn bewusst zu regulieren, kann sich nicht nur unsere Atmung verändern – sondern auch unser Stressniveau, unser Energielevel und unser Körpergefühl.
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